time#machines



Mit dem Abend time#machines laden das Ensemble RADAR und Sascha Lino Lemke als künstlerischer Leiter des Projekts in doppeltem Sinne zu Zeitreisen ein.
Zum einen werden moderne Kompositionen Hamburger Komponisten (György Ligeti, Manfred Stahnke, Gordon Kampe, Sascha Lino Lemke) sowie des Mexikaners Conlon Nancarrow und Italieners Fausto Romitelli verbunden mit Werken des ausgehenden Mittelalters bzw. der Renaissance.
Zum anderen thematisieren viele der Kompositionen selbst das Thema Zeit. Die Faszination des Erfindens von Musik, in denen die Stimmen in verschiedenen Tempi gleichzeitig ablaufen, verbindet die Jahrhunderte weit auseinander liegenden Komponisten. Dabei verwandelt sich das Ensemble in eine Art großes Uhrwerk, eine imaginäre Meta-Maschine. So läuft im um 1400 entstandenen Proportionskanon „Le ray au soleyl“ eine Melodie in drei verschiedenen Geschwindigkeiten gleichzeitig ab. Pierre de La Rue erfand um 1500 im Wettstreit mit seinen Zeitgenossen gar einen vierstimmigen Mensurkanon, in dem eine Melodie in vier verschiedenen Geschwindigkeiten abläuft und die Stimmen trotzdem zu einem wohlklingenden Ganzen verschmelzen. Conlon Nancarrow (1912-97) experimentierte mit selbstspielendes Klavieren, die ihm ermöglichten, Kanons mit sowohl von J.S. Bach als auch vom Jazz beiflusstem Tonfall in äußerst ungewöhnlichen Temporelationen zu realisieren. György Ligeti, lange Zeit Kompositionsprofessor in Hamburg und einer der Entdecker der Musik Nancarrows, den er für einen der bedeutendsten amerikanischen Komponisten hielt, fand mit seiner Klavieretüde „Automne à Varsovie“ einen praktikablen, wenn auch hochvirtuosen Weg, einen Pianisten in mehreren Tempi gleichzeitig zu spielen und so eine rhythmisch höchst aufregende Musik zu schreiben.
Das Thema Maschine bildet weitere Brücken zwischen den Werken des Abends. Dem neu auf eine Kompositionsprofessur berufenen Gordon Kampe, den wir mit diesem Konzert in Hamburg willkommen heißen wollen, ist der Bezug bereits im Titel eingeschrieben:
„Gassenhauermaschinensuite“ nennt er sein Werk. In den oben erwähnten raffinierten rhythmischen Experimenten wirken die Musiker zusammen wie ein besonders kunstvolles Uhrwerk. In Stahnkes „Beatboxer“, Aperghis’ „Retrouvailles“ und auch in Lemkes „Engelsreanimation“ sind die Interpreten wie Rhythmusmaschinen eingesetzt, bei denen ungewöhnliche Klänge und teilweise auch außermusikalische Gesten rhythmisch komponiert werden. In „Trash TV Trance“ wiederum tritt der E-Gitarrist in Dialog mit einer Loopmaschine, die Zeit vor- und rückspulbar macht und in Schleifen laufen lässt. Die Alte-Musik-Beiträge (und auch der ursprünglich für Player Piano komponierte Kanon von Nancarrow) werden für das Ensemble RADAR arrangiert und das Programm durch instrumentale und elektronische Überleitungen miteinander zu einem Ganzen verwoben. Der Konzertcharakter des Abends wird zudem gebrochen durch szenische, performative Elemente. So beginnt der Abend im Foyer mit der scheinbaren Begrüßung zweier Bekannter, deren gegenseitigen Schulterklopfen sich jedoch alsbald zu dem „Fremd-Bodypercussion“-Stück „Retrouvailles“ von Georges Aperghis entwickelt. Und die Pause wird beendet durch den scheinbaren Zusammenbruch einer Frau, die dann als Benjamins bzw. Klees „Engel der Geschichte“ von zwei Männern streng nach Partitur „wiederbelebt“, musikalisch „bespielt“ wird und so zur Stimme zurückfindet.
Die den Abend abschließende Uraufführung von Sascha Lino Lemke schließlich inszeniert das Ensemble plus Sprecherin/Sängerin, Dirigent, Licht und Elektronik als eine stilisierte Metamaschine. Der Dirigent bricht immer wieder aus seiner Rolle als Koordinator des Ensembles aus und seine Gesten gewinnen choreographisch- musikalisches Eigenleben. Die Sprecherin/Sängerin, an einem Tisch mit Leselampe sitzend, gerät immer stärker in maschinelle Wiederholungsstrukturen, die sowohl Klang wie auch Gestik wie im Vor- und Rückspulen eines Videos stilisieren. Dabei geht das im Raum verteilte Ensemble immer wieder neue Verbindungen ein, vom präzis synchronen rhythmischen Zusammenspiel bis hin zur inselhaften Vereinzelung von Soli, die sich in verschiedenen Geschwindigkeiten, jedoch durch Clicktracks streng koordiniert überlagern. So spannt das Werk Bögen zu den Zeitexperimenten der anderen Konzertbeiträge. Auch die Besetzung mit der scordierten Chitarrone ermöglicht kurze historisierende Klanganspielungen an andere Werke des Konzertprogramms.

Es musizieren Martin Posegga (Saxophon), Johannes Öllinger (E-Gitarre), Matthias Bauer (Kontrabass), Felix Kroll (Akkordeon), Ninon Gloger (Klavier/Keyboard) und Jonathan Shapiro (Drums/Perkussion).




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Gestaltung: Felix Kroll